Was machen die Nazis eigentlich gerade?

Eine Weile ist es her, dass wir zuletzt über die organisierten Vechtaer/Osnabrücker Neonazistrukturen geschrieben haben. Dies liegt nicht an ihrer Untätigkeit – im Folgenden wollen wir einen kurzen Überblick über die Aktivitäten der Neonazis um den 27jährigen Vechtaer Führungskader Christian Fischer aus den letzten Wochen liefern.


Der Vechtaer Neonazi Christian Fischer
Foto: recherche-nord

Gewaltmarsch und Grillen…

Ende März veranstalteten die Osnabrücker „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) den sogenannten „Erich Priebke-Marsch“ um den Dümmer See. Bei Erich Priebke handelt es sich um den ältesten inhaftierten, bzw. unter Hausarrest stehenden Naziverbrecher. Der heute 97 Jahre alte Priebke war Offizier in der SS und in dieser Funktion an der Erschießung von 335 italienischen Zivilist_innen in Rom beteiligt.

Diesem nationalsozialistisch motivierten Mörder zu Ehren veranstaltete die JN unter der Leitung ihres Vorsitzenden Christian Fischer an diesem Wochenende also einen 18km langen Gewaltmarsch um den Dümmer See, in dessen Pausen Redebeiträge über die Region sowie über Erich Priebke verlesen wurden. Bereits am Freitag wurde eine Fahrradtour von 40km an gleicher Stelle absolviert.

Im Anschluss an den „Erich-Priebke-Marsch“ fuhren die Neonazis weiter nach Vechta, um im Wohnhaus von Christian Fischer zu grillen und zu trinken.

…Volkstanz und Brauchtumspflege

Mitte April nahmen Mitglieder der Osnabrücker „Jungen Nationaldemokraten“ am sogenannten „1. Südwestdeutschen Kulturtag“ der JN in Ludwigshafen Teil. Hier wurden völkisch-nationalistische Traditionen, von Volkstanz über Gedichte sowie Trommler- und Fahnengruppen bis zu nationalsozialistischem Liedgut gepflegt und auf der Bühne vorgestellt. Die Mitglieder der JN waren hierbei einheitlich gekleidet – Schwarze Hose, weißes Hemd für die Männer und weiße Bluse mit langem Rock für die Frauen.

Solche Veranstaltungen haben bestimmte Funktionen. Der Zusammenhalt innerhalb der neonazistischen Szene soll gestärkt und ihre Mitglieder ideologisch gefestigt werden. Es soll um jeden Preis verhindert werden, dass junge Neonazis anfangen an der Ideologie zu zweifeln und eventuell sogar erwägen, die Szene zu verlassen. Außerdem ist Zweck solcher Veranstaltungen, junge Neofaschist_innen früh zu schulen und zu künftigen Führungskadern auszubilden.

Rasseschulung und Antisemitismus…

Indes ist der niedersächsische Verfassungsschutzbericht für 2009 erschienen, der weitere Details im Bezug auf die Rasseschulung enthält, die von den Vechtaer HDJ-Aktivist_innen Christian Fischer und Daniela Kühnel am 13.01.2007 im „NPD-Heim“ in Georgsmarienhütte (bei Osnabrück) durchgeführt worden sein soll. Der von Fischer vor Minderjährigen gehaltene Vortrag „Biologische Grundlagen unserer Weltanschauung“ entstand demzufolge auf der Grundlage nationalsozialistischer Literatur und basiert im Aufbau und Inhalt auf einer „Weltanschaulichen Schulung“ für den Führernachwuchs der Waffen-SS. Fischer erläuterte in diesem auf dem historischen Nationalsozialismus basierenden Vortrag vermeintlich biologisch begründete „Rassenunterschiede“ von Menschen und warnte vor einer „Durchmischung“. Im Anschluss wurde der nationalsozialistische und mittlerweile verbotene NS-Propagandafilm „der ewige Jude“ gezeigt, bei dem Menschen jüdischen Glaubens mit Ratten und Ungeziefer verglichen werden.


Die Vechtaer HDJ-Aktivist_innen Christian Fischer und Daniela Kühnel sollen die besagte Rasseschulung für die HDJ organisiert haben
Fotos: recherche-nord

…Außenwirkung und Propaganda

Von solchen Dingen spricht Christian Fischer in der Öffentlichkeit natürlich nicht gern. In einem auf der Homepage der JN-Osnabrück veröffentlichten Interview mit einer „freien Journalistin“ werden solche Aspekte nationalsozialistischer Ideologie jedenfalls nicht offen angesprochen. Zunächst war das Video als „Interview mit dem katholischen Rundfunk“ betitelt, wurde später in „Interview mit einer freien Journalistin“ umbenannt. Die Journalistin, die tatsächlich aus dem Umfeld des katholischen Rundfunks kommt, muss sich zumindest Naivität und falsche Toleranz gegenüber Nationalsozialist_innen gefallen lassen. Völlig unkritisch, eher interessiert, wird der Vechtaer Neonazikader in lockerer Atmosphäre interviewt.
Mit Fragen wie „weshalb brauchen wir in Deutschland überhaupt eine nationale Bewegung“ lädt die Interviewerin den Neonazi förmlich dazu ein, seine Ideologie zu erklären und im folgenden autoritäre und rassistische Aussagen zu treffen. Deutschland müsse „das Land der Deutschen“ bleiben und nicht an einem „Multikultiwahn zu Grunde gehen“, erklärt Christian Fischer freigiebig. In dieser Art geht es noch eine Weile so weiter. Die aufgeschlossene Moderatorin fragt, Christian Fischer antwortet und hetzt dabei unter anderem gegen den Islam, gegen „Überfremdung“ durch migrantische Imbisse und rechtfertigt die Todesstrafe.
Müßig zu erzählen, dass es in einer nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ für Andersdenkende, Migrant_innen, Menschen mit Behinderung, Menschen anderer sexueller Orientierung, Menschen anderen Glaubens usw. keinen Platz gibt. Müßig zu erklären, dass es fatal wäre, wenn es ein neues nationalsozialistisches System inklusive der Todesstrafe geben würde; und müßig darauf hinzuweisen, dass der Rassismus, den Christian Fischer vertritt, indiskutabel ist. Nazis sind nunmal Nazis und natürlich vertreten sie ihre menschenverachtenden Positionen auch öffentlich, auch wenn Christian Fischer hier um ein vergleichsweise harmloses Auftreten bemüht ist.
Das Problem ist ein anderes. Nämlich besagte Journalistin, die einen Neonazi, der in Wehrsportcamps Waffenübungen und „Überleben im Felde“ trainieren ließ, der in der HDJ Kleinkinder nationalsozialistisch indoktrinierte, der eine Rasseschulung organisierte und der wegen Waffenbesitzes verurteilt wurde, interviewt, als wäre es ein völlig gleichberechtigter Gesprächspartner, der eine diskutable Meinung vertritt, die dem interessierten Publikum näher gebracht werden soll.
Wir bleiben bei unserem Standpunkt, dass es zum Nationalsozialismus (wie auch immer er verpackt wird) und zum Holocaust keine verschiedenen, gleichberechtigt diskutablen Meinungen geben kann. Faschismus bleibt eine Ideologie der Vernichtung und jede Relativierung und Verharmlosung darf nicht hingenommen werden.
Indem Christian Fischer von besagter Journalistin als ganz normaler Gesprächspartner dargestellt wird, der aufgeschlossen und unkritisch befragt wird, wird Nationalsozialismus wieder ein Stück weit zur gesellschaftlichen Normalität und zu einer diskutablen Alternative.
Wir sehen es daher als notwendig an, Neonazis immer und konsequent aus der öffentlichen Debatte auszugrenzen, ihnen keinen Raum für ihre menschenverachtenden Thesen zu geben und ihnen nicht das Gefühl zu geben, mit ihrer Ideologie mitreden zu können.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, möchten wir hier jedoch betonen, dass das Interview zwar von einer freien Journalistin aus dem Umfeld des katholischen Rundfunks geführt wurde, es aber dort in der Form nicht abgesprochen war und der katholische Rundfunk das Material auch nie gesendet hat. Weiterhin kennen wir nicht den kompletten Gesprächsverlauf. Der im Internet aufgetauchte Mitschnitt wurde von den Osnabrücker Neonazis selbst erstellt und es ist gut möglich, dass eventuelle kritische Stellen von den Neonazis aus dem Video herausgeschnitten wurden. Nichtsdestotrotz wäre dies leicht zu verhindern gewesen, wenn besagte Journalistin einfach nicht mit dem fanatischen Nationalsozialisten Christian Fischer gesprochen hätte.

Zu guter Letzt…

…stießen wir vor ein paar Monaten auf die Internetseite „der VerVechta“. Die Seite ist auf dem neonazistischen Server „logr.org“ gehostet, der unter anderem Homepages für „autonome Nationalisten“, Szene-Mailorder und sogenannte „Anti-Antifa“-Seiten, auf denen vermeintliche politische Gegner_innen mit Fotos, Namen und Adressen benannt werden, bereitstellt. Der Server „logr.org“ wird aus dem Umfeld Dortmunder „Autonomer Nationalisten“ betrieben.


Der Header der neuen Homepage „der VerVechta“

Der „VerVechta“, der im Aufbau an unsere Seite erinnern soll, möchte als konservativer bis nationaler Blog für den Vechtaer Raum, quasi als Gegenpol des „linken Vechtas“ fungieren. Dies sieht dann so aus, dass neben Terminen für neonazistische Demonstrationen auch eine patriotische Demonstration „gegen jeden Extremismus“ beworben wird. Ansonsten passiert auf der Seite nicht viel, außer dass angekündigt wird, „besonders über kulturelle Aspekte“ berichten zu wollen. Ein Thema, das Christian Fischer ja bekanntlich liegt…


1 Antwort auf „Was machen die Nazis eigentlich gerade?“


  1. 1 Razzia gegen „Junge Nationaldemokraten“ « Plattform für Antifaschismus und Kritik Vechta Pingback am 22. Dezember 2010 um 9:46 Uhr
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